Mit Wissen zu mehr Anerkennung für Regenbogenfamilien

Ein Blogbeitrag von Gwen Göltl, MA

In den letzten Jahren ist in der Familienforschung ein Wandel zu erkennen: Zunehmend rücken diverse Familienformen in den Fokus sozialwissenschaftlicher und psychologischer Forschung. Der Blick ist dabei zunehmend positiv, statt Vorurteile gegen lesbische, schwule und andere nicht-heteronormative Elternschaft zu widerlegen, werden nun häufig das starke Engagement von Eltern in Regenbogenfamilien und die fairere Aufteilung von unbezahlter und Erwerbsarbeit beschrieben. Neben dem Wissensgewinn ist oft explizit die verbesserte Sichtbarkeit und Förderung der politischen Gleichstellung Ziel der Forschungsprojekte.

Die Wissenschaft hat erkannt, dass vielfältige Familienformen und verschiedene Wege zur Elternschaft in der Praxis existieren und die Optionen für Zusammenleben in Familien über die Vorstellungen der hetero-Kleinfamilie hinausgehen. Das wirft neue Fragen für die Familienforschung auf, etwa zu Entscheidungen am Weg zur Elternschaft, oder dem Einfluss von Gesetzen rund um Ehe/eingetragene Partnerschaft, Reproduktionsmedizin, Abstammungsrecht oder Adoption. „Wer wie Eltern werden kann, will, soll und darf, ist je nach Zusammensetzung der werdenden Eltern rechtlich, medizinisch, biologisch und persönlich unterschiedlich und äußerst komplex.“[1]

Forschungsperspektiven: zwischen Vorbildfunktion und Minority Stress

Der Weg zur Erfüllung des Kinderwunsches ist für lesbische und schwule Paare länger und steiniger als für viele heterosexuelle Paare. Während Paare aus zwei Männern oder zwei Frauen für die Elternschaft eine Reihe von Entscheidungen treffen müssen, wie die Auswahl eines Spenders, die Entscheidung für oder gegen eine Kinderwunschklinik oder für Pflegeelternschaft, haben sie auch einen großen Vorteil: Sie können ihre Beziehung bis zu einem bestimmten Grad abseits der Erwartungen an geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und binäre Rollenbilder für Väter und Mütter leben und ihren Kindern eine gleichberechtigte Elternschaft vorleben. Regenbogenfamilien können dabei Vorbildfunktion für das Aufbrechen von Geschlechterrollen in hetero-Paaren mit Kindern sein, beschreibt etwa Lisa Bendiek in ihrem pointiert benannten Buch „Lesben sind die besseren Väter“.

Ein Fokus in der Untersuchung zu diversen Familienformen sind jedoch auch die speziellen Belastungen, denen LGBTIQ+ Personen im Alltag ausgesetzt sind. Dieser Minority Stress wird in einer Broschüre der PSD-Wien und HOSI Wien treffend beschrieben: „Das konstante ‚im Hinterkopf behalten‘ der Möglichkeit, dass etwas Negatives aufgrund unserer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität passieren könnte, führt in vielen Fällen schlicht und einfach zu chronischem Stress, der unseren Alltag einschränkt.“[2] Vor allem trans Personen sind hier stark betroffen, aber auch Eltern, da sie im Alltag ihre sexuelle Orientierung weniger verbergen können, um Diskriminierung zu umgehen. So haben etwa lesbische und schwule Eltern mit Kindern im Umgang mit Schule oder Medizin oft nicht die Option, sich nicht zu „outen“.

Datenlücke zu queeren Familienformen

Dass sich die Familienforschung abseits einzelner Forschungsprojekte zumeist mit heterosexuellen Elternpaaren beschäftigt, liegt nicht ausschließlich im Interesse für diese Gruppe begründet. Grundlage für die Entscheidung von Forscher*innen ist oft auch die leichtere Verfügbarkeit von Interviewpartner*innen, statistischen Daten und großen Befragungsstudien zu dieser Gruppe. Werden alle Familien in Österreich auf Basis von Daten der Statistik Austria, erforscht, wird häufig nicht auf die im Vergleich geringe Anzahl an nicht-heteronormativen Familien eingegangen. Die schlechte Datenlage zu queeren Familienformen liegt auch daran, dass Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierung vulnerable Gruppen definieren und daher die Abfrage dieser wichtigen Faktoren heikel sein kann. Bei großen face-to-face Befragungen ist ungewiss, ob sich die befragten Personen mit den Interviewpersonen sicher genug fühlen, um ihre sexuelle und Geschlechtsidentität anzugeben. Bei Internetbefragungen können Bedenken um Anonymität dazu führen, dass Befragte falschen Identitäten angeben – will ich die einzige nicht-binäre oder trans Person in der Befragung etwa am Arbeitsplatz sein

Regenbogenfamilien als wachsendes Forschungsfeld

Trotz dieser Hürden in der Forschung zu Regenbogenfamilien gibt es mittlerweile einige Projekte, die sich dem Thema widmen. Das laufende Projekt RALF („Rainbow Austrian Longitudinal Family Study“[3]) der Abteilung Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Wien befragt Eltern und Kinder aus Familien mit LGBTIQA+ Eltern und führt Beobachtungen zu familiären Interaktionen durch. Das aktuelle Forschungsprojekt „Same-sex families in Austria“[4] des Vienna Institute of Demography an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) untersucht gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit und ohne Kinder anhand von Behördendaten, die über das Austrian Micro Data Center (AMDC) der Statistik Austria seit 2022 der Forschung zur Verfügung stehen. Weitere Studien aus anderen EU-Ländern, die uns wichtige Einblicke in das Familienleben von Regenbogenfamilien ermöglichen, sind etwa das bereits abgeschlossene Projekt „Ambivalente Anerkennungsordnung: Doing reproduction und doing family jenseits der ‚Normalfamilie’“[5] an der Humbold-Universität Berlin, das Eltern in diversen Familienkonstellationen in Deutschland über ihre Wege zur Elternschaft befragte und das Projekt QPaths („Queer Pathways to Parenthood“[6]), das Wege zur Elternschaft in Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden, und den Niederlanden erforschen wird.

Diese Forschungsprojekte bilden die Datengrundlage um aufzuzeigen, wie vielfältig Familien in der Praxis sind. Die Erkenntnisse können Grundlage für politische Forderungen nach Gesetzesänderungen und Unterstützung für Regenbogenfamilien sein. Auch wenn noch vieles bisher unerforscht blieb, ist das steigende Interesse an Regenbogenfamilien in der wissenschaftlichen Forschung ein Schritt zur Gleichstellung und gesellschaftlicher Anerkennung.

 

RALF- Teilnehmende Familien gesucht!

Das Ziel der RALF-Studie lautet: 150 teilnehmende Familien. Um dieses Ziel zu erreichen werden weiterhin Familien gesucht, um Teil der Studie zu sein.
Kennst du weitere Regenbogenfamilien bzw. LGBTQIA+ Eltern? Wir freuen uns sehr, wenn du ihnen von RALF erzählen und zur Registrierung einladen!
Der Link zur Anmeldung lautet: https://sosci.univie.ac.at/RegistrierungRALF/.

Du kennst Möglichkeiten, Orte, oder Personen, um den Studienaufruf zu teilen (z. B. über WhatsApp-Gruppen, E-Mail-Verteiler, Vereine, Beratungsstellen, Elternnetzwerke)? Wir sind sehr dankbar, wenn du den Studienaufruf teilen möchten oder uns Hinweise geben, wo wir ihn teilen können oder wen wir kontaktieren dürfen. Auch hierfür gilt der Registrierungslink.

 

Zur Autorin:

Gwen Göltl ist Forscherin am Vienna Institute of Demography der Österreichische Akademie der Wissenschaften. Ihr Schwerpunkt liegt auf Familiensoziologie und der Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. In ihrem Dissertationsprojekt „Same-Sex Families in Austria“ beschäftigt sie sich mit gleichgeschlechtlichen Paaren und Eltern mit dem Ziel, die Datenlage für diese in Bevölkerungsstatistiken häufig nicht berücksichtigte Gruppe zu verbessern.

[1]  Teschlade, Motakef und Wimbauer 2025, S.25
[2]  PSD-Wien 2023, S.19
[3]  „Rainbow Austrian Longitudinal Family Study“ https://ralf.univie.ac.at/die-studie
[4] „Same-sex families in Austria“ https://www.oeaw.ac.at/vid/research/research-projects/samfa
[5]  Ambivalente Anerkennungsordnung” https://www.projekte.hu-berlin.de/de/ambivalente-anerkennung
[6]  Queer Pathways to Parenthood https://www.maaikevandervleuten.com/qpaths